Sind jetzt Blogger das Mass aller Dinge?

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Sind jetzt Blogger die vierte Gewalt, oder was ist eigentlich los, wenn sich die NZZ auf ein Blogger-Manifest einigen will und die SonntagsZeitung Blogger als Handlanger von Unternehmen betitelt?

Bin das nur ich oder köchelt da gerade etwas hoch?

Dass Insider und Edelfedern wie Tagesanzeiger-Journalist Constantin Seibt die Zukunft des Journalismus ausloten, gehört schon zum Courant Normal.

Podiumsdiskussion von Constantin Seibt über die Zukunft des Journalismus

Podiumsdiskussion von Constantin Seibt über die Zukunft des Journalismus

Wenn aber ARTE am Fernsehen für ein doch breiteres Publikum das Ende der Zeitung dokumentiert (im ländlichen Indien überlebt das gedruckte Wort noch ein Weilchen, in den USA ist 2017 Schluss),

Zeitungssterben gemäss Ross Dawson

Zeitungssterben gemäss Ross Dawson

wenn die SonntagsZeitung Blogger ermahnt, sich doch bitte nicht nur als PR-Botschafter von Zalando zu betätigen

und die NZZ in die Vollen geht und gleich ein Blogger-Manifest initiiert, sinnigerweise u.a. mit einem der einflussreichsten „Handlanger“ und Blogger Kevin Kyburz, der nicht nur an den legendären Launch der iO-App von Swisscom eingeladen wurde, sondern auch von search.ch an deren „Klassentreffen“ von Schweizer Social Media Cracks:

Was ist dann eigentlich los?

Wenn Jon Henley, Guardian-Journalist alter Schule, in der ARTE-Doku drucken von Zeitungen als Zeitverschwendung bezeichnet und selber via Twitter-Reisen recherchiert,

Jon Henley vom Guardian: Drucken von Zeitungen ist Geldverschwendung

Jon Henley vom Guardian: Drucken von Zeitungen ist Geldverschwendung

das Zeitungssterben eine eigene Wikipedia-Seite hat mit einer Grafik von den Werbeeinnahmen

Werbeeinnahmen von US Zeitungen

Werbeeinnahmen von US Zeitungen

FAZ-Journalisten mit Wehmut über die alten Tage schreiben

Sinkende Auflage deutscher Tageszeitungen

Sinkende Auflage deutscher Tageszeitungen

und Zeitungen aussterben werden, u.a. weil gemäss Thomas Baedkal Qualitätsjournalismus gar keiner ist…

What if the real problem isn’t digital? What if the problem is the journalistic work itself?
 

… „Was zum Teufel“ (Zitat Constantin Seibt) ist dann mit dem Journalismus los?

Hoffnung gibt es immerhin von hier, schliesslich hat eine neue Technologie noch nie eine alte ausgelöscht, sondern sie allenfalls besser gemacht in dem, was sie wirklich gut kann.

Müssen wir uns jetzt an Open Journalism, Blogger und Roboterjournalismus gewöhnen? Oder wer bezahlt künftig Qualitätsjournalismus? Die Werbeindustrie scheint sich abzuwenden und die Abogebühren werden es wohl auch nicht richten können?

Medienlandschaft im Online-Zeitalter

Ersatz der gedruckten Zeitung durch „Interfaces“

Entwicklung von Zeitungsauflagen und Werbeeinnahmen gemäss http://futureexploration.net/future-of-media

Entwicklung von Zeitungsauflagen und Werbeeinnahmen weltweit

Entwicklung von Zeitungsauflagen und Werbeeinnahmen weltweit

Sogar im Medientalk von SRF fand die Blogger-/Journalistendiskussion eine Fortsetzung. Ich bin ganz bei den Argumenten von Blogger Kevin Kyburz.

Sehen wir gerade in „Echtzeit“ zu, was es heisst, wenn eine Branche von der digitalen Revolution erfasst wird?

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Über uns

Walter Schärer bloggt über neuste Internet-Trends im Online Marketing, Social Media, Blogs, Web Analytics, SEO, Mobile und so.

4 Kommentare

  1. Ich wusste gar nicht, das wir Blogger schon einen solchen Stellenwert erreicht haben das alteingesessene Zeitungen Angst vor uns haben. Anders kann ich mir das ganze nicht erklären, weshalb eine ganze Branche (oder zumindest mal zwei Schweizer Grössen) so zittern vor uns (von der Sonntagszeitung damals in Unterhosen und Unterleibchen bekleideten) Bloggern.

    Ich finde es spannend, meine Meinung habe ich die Tage ja mal auf Google+ & Facebook dazu geschrieben, aktuell möchte ich den „Dinosauriern“ keine Plattform bieten. Ausser es kommt nochmals was, dann überlege ich mir doch nochmals meinen Blog post dazu zu schreiben was denn die Journalisten alles so bekommen an diesen Events (wo ja doch meist nicht nur Blogger sind). Aber eigentlich hoffe ich, das es nicht so weit kommen muss. Den das würde mir keine Freude machen.

    vor allem finde ich, jetzt wo sie schon aufgewacht sind, sollten sie sich mal Gedanken machen zu diesem ganzen digitalen denn hier gibts noch sehr viel Platz und ich würde mich freuen mehr auch vermehrt von den teilweise genialen Journalisten zu lesen.
    Noch haben sie auch die Zeit einiges zu verändern. Ich mein wir Blogger machen das aus Freude an der kommunikation weil wir was zu erzählen haben, etwas mitteilen. Oder anderen helfen möchten. Das ist ja meist En gänzlich anderer Ansatz als bei den Journalisten.
    Ich finde wir beide könnten sehr gut neben einander Leben und beide könnten von einander lernen. Das würde dem grossen und ganzen sicherlich viel mehr bringen ud. Bis anhin hatte ich auch (um den angesprochenen Punkt oben mal auszulassen) fast durchwegs positive Erlebnisse mit Journalisten an den besagten Events (wüsste von meiner Seite her auch nicht warum ich das anders sehen sollte/müsste)

    • Einverstanden.

      Ich sehe das Problem dort, wo es um’s Geldverdienen geht: Verleger, und mit ihnen ihre Journalisten, und Blogger haben beide etwa gleich viel Mühe, von ihrer Schreibe zu leben. Wenn es so weitergeht, wird es eines Tages nur noch Blogger geben, weil diese hobbymässig in ihrer Freizeit schreiben und ihr Einkommen mit einem Brötchenjob sichern. Das können natürlich auch vormalige Journalisten sein. „Blogger“ steht in diesem Zusammenhang für mich einfach für „kaum etwas verdienenden Schreiberling“ oder für „selbständigen Schreiberling“. Für Journalistenlöhne werden früher oder später keine Budgets mehr da sein.

      Ausser in der PR. Aber dort ist ja dann keine Transparenz gefragt, der Jobtitel heisst dort meines Wissens nicht „Journalist“, die entsprechenden „Ãœberläufer“ gehen ja auch „dark“, wie es heute im Newsroom-Lingo heisst.

      Wenn nun also Reiseblogger oder Modeblogger Hotelaufenthalte oder Zalando-Gutscheine erhalten, um über die Produkte schreiben zu können, sind sie eher in der PR-Ecke anzusiedeln als im Journalismus. Und gerade das macht Blogger für Unternehmen so interessant: Blogger haben in spezialisierten Nischen eine respektable Reichweite, schreiben oft recht authentisch, weil ihre Glaubwürdigkeit halt doch auch wichtig ist, sie sind aber viel offener für Unternehmensbotschaften als Journalisten. Man kann behaupten sie seien auch weniger kritisch, ja, aber je nachdem wie der Blog positioniert ist, geht es ja gar nicht zwingend um Transparenz.

      Unsere eigenen Reiseblogs sind beispielsweise dem PR-Segment zuzurechnen, womit wir keinerlei Anspruch auf journalistische Qualität oder Transparenz erheben: Wir möchten unsere Auftraggeber im bestmöglichen Licht darstellen. Dass deren Leistungen aber tatsächlich einen Besuch wert sind, versuchen wir via Fotos und Videos zu belegen. In diesem Sinne suchen wir trotz allem Glaubwürdigkeit.

  2. Lieber Walter

    Danke für diesen hochintressanten Beitrag.
    Wie schon in meinem Blog erwähnt (siehe Link oben) geht es mir erst einmal nur um Transparenz – Ethik und Journalismus.

    Doch im Zusammenhang hier sollte ich vielleicht erwähnen, dass Blogger nicht unbedingt Blogger sind. Vielleicht sollten wir unterscheiden zwischen dem:
    1. Blogger der im Blog schreibt zum Vergnügen (d.h. als Hobby – ohne Geld),
    2. Blogger als PRler (müssen Geld verdienen – verdienen dank Ads, Sponsorship und / oder Native Advertising) und
    3. Corporate Blogger (Angestellter der Firma, Freelancer welcher die Firma bezahlt, usw.).

    Journalisten könnte man auch unterteilen…
    A. Vollzeit,
    B. Teilzeit
    C. Freelancer
    und dann noch in einem Verlag der zahlende Abonnenten hat oder eben nicht (20 Minuten).

    Ausser dem Blog-Typ 1, müssen Blogger und Journalisten gucken, das Sie Geld verdienen. Auch im Corporate Blog müssen Inhalte Mehrwert bieten für die Zielgruppe.
    All das kostet Geld welches durch zahlende Abonnenten und/ oder Werbung wie Sponsorship gelingt.

    Doch dank Digital Medien entwickelten wir uns immer mehr vom:
    – wenig Inhalte von wenigen Gruppen (z.B. Radio und Zeitungen) werden publiziert und von vielen konsumiert, zur Situation wo
    – viele kommunizieren und ein immer kleineres Zielpublikum erreichen (z.B. immer weniger Leser pro Titel oder Blog).

    Das heisst, es gibt Zeitungen die verdienen pro zahlendem Print-Abonnenten 10 mal mehr via Werbung als dies mit dem zahlenden Digital Abonnenten (z.B. Financial Times, Arkansas Gazette, usw.).

    Wenn Leser sich immer weniger Sorgen machen, ob die Nachricht, Story oder der Blogeintrag von Qualität ist oder nicht, ob dieser auf einer sorgältigen Recherche basiert, oder einfach nur eine Meinung präsentiert, dann wird es immer schwieriger… Geld zu verdienen um Qualität zu produzieren.

    Ohne Geld kann es nicht die gleiche Qualität geben wie mit Geld. Aber vielleicht sehen andere hier einen Ausweg… ich bin hier nicht sehr optimistisch.

    Freundlichst
    Urs

    • Ja, die Unterscheidung in verschiedene Blogger-Typen ist entscheidend! Ethik und Transparenz wird für die einen wichtig sein, was aber vermutlich mit Einbussen bei den Einnahmen „erkauft“ wird. Für andere wird interessanter sein, sich via Native Advertising oder Sponsored Posts Einnahmen zu sichern.

      Deshalb finde ich den undifferenzierten Ansatz der NZZ so schwierig, ein Blogger-Manifest für Transparenz aufsetzen zu wollen: Da werden nicht nur die verschiedenen Ausprägungen von Blog-Typen, sondern gleich auch noch Blogger und Journalisten in einen Topf geworfen, also Unternehmer (Verleger) und Angestellte mit journalistischer Ausbildung, die erst noch für Auflage zu sorgen haben, weil sonst ihre Löhne nicht mehr berappt werden können…

      Wenn ich halt ringsherum beobachte, wie schwierig die Monetarisierung von Inhalten ist, dann kommt für mich zuerst das „Ãœberleben“ und erst dann allenfalls die Transparenz, wenn man sie sich leisten kann…

      Und zum Thema Qualitätsjournalismus hast den obigen Link zu Thomas Baekdal gesehen? Der aktuell beste Beitrag zu dem Thema: Er nimmt rasiermesserscharf die Situationsanalyse und Digitalstrategie der New York Times auseinander. Vermeintlicher Qualitätsjournalismus ist gar keiner!

      Transparenz wird nicht entscheidend sein, sondern Relevanz! Wenn wir nicht relevant sind für unsere fragmentierte Zielgruppe, nützt alle Transparenz nichts…

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